Welt am Sonntag 03.11.2013, Ausgabe 44, Seite 4

Feiner Zwirn

Thomas Schmitz gründete vor 25 Jahren das Label "John Crocket" und setzt seitdem auf typisch britischen Stil

VON GUIDO M. HARTMANN

Wer den Ausstatter John Crocket an der Kölner Friesenstrasse betritt, fühlt sich in eine andere Welt versetzt.
Alte Dielen, englische Ledersessel und hohe Regale mit Anzügen, Pullowern und Schuhen vermitteln einen Hauch des feinen London inmitten des ehemaligen Kölner Rotlichtviertels.

"Wir bieten hier noch die Qualität, wie sie vor 20 Jahren auf der Londoner Jermyn Street üblich war", sagt Firmeninhaber Thomas Schmitz, der mit seinem klassischen Anzug und im weißen Hemd samt Manschettenknöpfen perfekt in dieses Ambiente passt. Angeboten werden etwa Hemden aus besonders hochwertigem Vollzwirn oder auch Doppelzwirn Stoff.
Und das zu einem, wie der 54 jährige Schmitz findet, durchaus günstigen Preis von 64 bis 74 Euro. "Ein Hemd aus Vollzwirn bleibt auch noch nach zig Wäschen immer noch seidenglatt, ohne jedoch feminin zu wirken", schwärmt der promovierte Wirtschaftswissenschaftler von diesen Stoffen. Bereits während seines Studiums hatte Schmitz mit Kaschmir-Pullovern aus Großbritannien gehandelt, die er teilweise aus dem Kofferraum heraus an Freunde und Bekannte verkaufte. Denn Kaschmir-Pullover, wie er sie in Irland und England kennen und schätzen lernte, habe man in den 80er-Jahren in Deutschland kaum finden können.
Und statt wie seine gleichaltrigen Freunde nach dem Studium bei einer Firma anzuheuern, machte sich Schmitz lieber gleich im Konfektionsbereich selbstständig. Und mietete vor 25 Jahren an der Kölner Albertusstraße einen ersten kleinen Laden unter dem Label "John Crocket". Auf den Namen kam Schmitz, weil sämtliche Bezeichnungen rund um den britischen Nationalsport Cricket bereits geschützt waren. Dafür nahm der Kölner Jungunternehmer zwei gekreuzte Cricket- und einen Tennisschläger in das Firmenlogo auf. Doch viele traditionsreiche und besonders hochwertige Bekleidungswaren würden in Großbritannien schon lange nicht mehr gefertigt, beklagt der Kölner, der seit seiner Kindheit die Urlaube mit der Familie regelmäßig in Irland verbrachte. Zwar lässt auch John Crocket seine Hemden in der Türkei fertigen. "Aber eben aus Stoffen, die über einen alteingesessenen Stoffhändler aus London bezogen werden", so Schmitz.
Seine Pullover für Damen und Herren jedoch sind "durch und durch original schottisch", betont der Händler, der in Irland am Trinity College und im englischen Exeter studierte und anschließend eine Doktorarbeit an der Goetheuniversität in Frankfurt/Main ablieferte.

Sowohl der robuste Harris Tweed wie auch der weichere Lovat Tweed für die Sakkos kommen aus Schottland. Die renommierte Firma Brisbane Moss aus dem englischen Lancashire wiederum fertigt für den Kölner die nahezu unverwüstlichen Cordhosen, die in fast so vielen Farben angeboten werden wie die Pullover. Während es hier für Männer ein schier unüberschaubares Angebot gibt, ist es für die Damen eher überschaubar. Im Angebot sind etwa Pullover, Jacken und Schals aus Kaschmir. Und natürlich klassische Blusen aus Vollzwirn-Baumwolle.
Bereits im Jahr 1998 startete Thomas Schmitz einen Online-Handel, der mittlerweile für drei Viertel des Umsatzes der John Crocket GmbH & Co KG steht. Angaben über dessen Höhe möchte der stilsichere Unternehmer jedoch nicht machen. Bestellt werden die Bekleidungsstücke derzeit zu je 50 Prozent per E-Mail und telefonisch. Wobei die Anrufe nicht durch ein Call Center, sondern von den Mitarbeitern im Büro vor Ort angenommen und bearbeitet werden, wie Schmitz beim Rundgang durch den kleinen Verwaltungstrakt erläutert: "So ist eine persönliche und individuelle Beratung auch am Telefon möglich."
Auch das Lager befindet sich direkt am Geschäft: "Das hat den Vorteil, dass wir in unserem Kölner Laden dem Kunden sofort fast jedes Produkt in allen Größen und Farben anbieten können", sagt Tina Schmitz (42), die ihren Mann im Geschäft unterstützt. Seit mittlerweile 12 Jahren sitzt das Unternehmen in dem großzügigen Ladenlokal im Friesenviertel, das sich seither zu einem szenigen Ausgehmeile gewandelt hat.
Doch in der Geschäftsentwicklung gab es auch Rückschläge: Ab 2008 hatte John Crocket unter der Banken- und Finanzkrise zu leiden – Anzüge und Krawatten verzeichneten plötzlich einen massiven Nachfrageeinbruch. "Das mussten wir dann erst einmal mit Produkten wie Duffle Coats und Cordhosen auffangen", berichtet Tina Schmitz. Infolge der Krise wurden auch die Niederlassungen in Düsseldorf und Bonn geschlossen. Thomas Schmitz entschloss sich zu einer Art Schrumpfkur und setzte noch stärker auf den Online-Handel.

"Unser Geschäft ist im Grunde prädestiniert für das Internet", sagt Schmitz. Wer einmal seine Größe kenne, könne in der Regel ohne Probleme online nachbestellen, auch wenn sich Schnitte einmal leicht änderten. "Eine Größe 52 bleibt eine 52."
Und das sei bei den Schuhen ähnlich. Die eigene Marke "Crocket's Finest" lassen die Kölner seit einigen Jahren in Spanien fertigen. Dabei liefert eine renommierte Trierer Gerberei das natürlich gegerbte Sohlenleder zu, während das Kalbsoberleder wiederum aus Frankreich bezogen wird: "Ein durch und durch europäisches Produkt", findet der Firmenchef. Dabei machte John Crocket aus der Not eine Tugend, nachdem man zuvor eine bekannte englische Schuhmarke vertreten hatte. Doch die wurde durch andere Kanäle wesentlich günstiger angeboten, während John Crocket einem Rabattierungsverbot unterlag. Deshalb entschlossen sich die Kölner, ihre eigenen Schuhe fertigen zu lassen. Diese können sie zudem bei noch besserer Qualität wesentlich günstiger anbieten, versichert Thomas Schmitz. Seit 1995 produzieren die Kölner zweimal im Jahr einen Katalog, den sie auch an ihre Kunden verschicken. Die sitzen vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Aber auch aus den Niederlanden sowie Großbritannien und Irland kämen mittlerweile immer häufiger Bestellungen. Denn all seinen Produkten sei gemein, dass sie sich durch eine lange Haltbarkeit auszeichneten, betont der Unternehmer. So erkannte einst auf einer Modemesse ein Kollege anhand der Farbe, dass Thomas Schmitz' Pullover an die 25 Jahre alt sein musste. "An dem Pullover war nichts auszusetzen", betont der stilbewusste Unternehmer. Auch wenn er womöglich noch aus der Zeit seiner Kofferraum-Verkäufe stammen sollte.