Tweedmagazin vom 22.07.2014

Mr. Crocket

Thomas Schmitz ist der Mann hinter der Marke John Crocket. Der sympathische Kölner erzählt uns, was Kaschmirqualität mit Steuerprüfungen zu tun hat.

Ein historisches Gebäude, darin ein schmuckes Ladengeschäft. Hohe Decken, eingerichtet mit englischen Antiquitäten. Kaschmirpullover in allen Farben,Two-Ply-Hemden, Tweed-Sakkos, dunkle Anzüge, rahmengenähte Full Brogues, Regiments-Krawatten. London, Jermyn-Street? Nein, Kölner Innenstadt, Friesenstraße 50.
Hier sitzt die Zentrale und das einzige Ladengeschäft der Marke John Crocket, die sich ganz dem britischen Stil verschrieben hat. Dahinter steht Dr. Thomas Schmitz (55), von allen nur Tom genannt. Er betreibt sein Geschäft mit Herzblut, das spürt man im ersten Moment. Er hat in Irland und England studiert, kennt die Webereien, weiß, was Qualität ist. Er lebt das, wofür die Marke steht. Draußen parkt sein Fahrrad aus den 50er Jahren, mit dem er täglich zur Arbeit fährt. Wir haben uns mit ihm und seiner charmanten Frau Tina Stelkens-Schmitz im Laden getroffen und zwischen schottischem Tweed und Kaschmirpullovern unterhalten.

Herr Dr. Schmitz, was für ein Doktor sind Sie denn eigentlich?
Volkswirt. Ich habe in Dublin meinen B.A. gemacht, in Exeter meinen Master und in Frankfurt meinen Doktor.

Und wie kommt man als promovierter Volkswirt dazu, ein Ladengeschäft für britische Herrenmode zu eröffnen?
Das hat eine Vorgeschichte. Ich habe als Student schon mit Kaschmirpullovern gehandelt. Die habe ich erst aus Geschäften, später direkt aus den Fabriken in Irland nach Hause mitgebracht und hier verkauft, aus dem Kofferraum heraus.

Um das Studium zu finanzieren?
Um das Studium zu finanzieren. Das war deutlich einfacher, als auf dem Bau die Schippe zu heben oder Lkw zu fahren, zwölf Stunden lang. In Trinity (Anm. d. Red.: gemeint ist das Trinity College in Dublin) studierte mit mir James Mullen. Das war der spätere Gründer von Thomas Pink. Mit dem wollte ich eigentlich zusammen etwas machen, aber wir wollten jeder unsere eigene Marke etablieren, und dann ist er seinen Weg gegangen, und ich bin meinen Weg gegangen.

Und wann war das?
Das war in den 80er Jahren. 1984 war ich in Exeter. Ich habe dann in Frankfurt ein Jahr an meiner Doktorarbeit geschrieben, meine Doktorväter haben aber deutlich länger gebraucht, um sie zu lesen. Und in dieser Zeit habe ich angefangen.

Sie sind also direkt vom Studium in die Selbstständigkeit?
Direkt in die Selbstständigkeit, ich habe alle Fehler im eigenen Unternehmen gemacht. Aber wie Elton John sagt: We´re still standing. Am Anfang haben wir viel Großhandel betrieben, wir haben Longchamp beliefert, Uli Knecht, Eduard Meier, Wagenheimer und viele andere. Aber als das britische Pfund dann Ende der 90er Jahre so hoch stieg, brach dieses Geschäft von heute auf morgen ein. Für mich war es schwierig, aber für 80 Prozent meiner Lieferanten war das das Ende. Die Firma, die damals unsere Sakkos und Anzüge produzierte, hatte drei Fabriken und 600 Mitarbeiter. Innerhalb von drei Jahren war sie insolvent, sehr tragisch.

Haben Sie sich damals gleich hier in Köln niedergelassen?
Ja, wir waren anfangs in der Albertusstraße, gleich hier um die Ecke. Ein kleiner Laden, der auch sehr günstig war. Das lief auch von Anfang an recht gut. Dann haben wir noch weitere Geschäfte aufgemacht, in Bonn, Düsseldorf und Bad Homburg, und dann kam der Versand dazu.

Können Sie Ihre Kleidungsphilosophie in einem Satz formulieren?
Englisch, aber nicht konservativ – gehoben, aber nicht abgehoben.

Was gefällt Ihnen persönlich am typisch britischen Stil?
Das Zeitlose. Und je älter die Stücke werden, desto reifer werden sie. Eine schöne alte Barbour-Jacke, die hat einfach was. Bei Barbour war ich übrigens einer der ersten in Deutschland, die diese Marke hier einführten. Der Trend geht ja wieder zu Langlebigkeit und Qualität.

Kommt Ihnen das entgegen?
Das kommt mir sehr entgegen. Unsere Produkte halten fürchterlich lange. Ich hatte sogar mal Probleme bei einer Steuerprüfung, der Prüfer meinte, meine Sachentnahmen lägen unter dem Sozialhilfeniveau. Ich habe ihm dann entgegnet: Wir haben hier die Kataloge der letzten zehn Jahre. Wir gehen jetzt zu mir nach Hause, und dann können Sie im Kleiderschrank genau nachsehen, aus welchem Jahr was ist. Die Sachen halten einfach ewig. Er ist dann natürlich nicht mit nach Hause gekommen, und der Rest der Prüfung verlief hervorragend.

Haben Sie so etwas wie einen typischen Kunden?
Wir haben so vielschichtige Kunden, das ist wirklich schwierig zu sagen. Letztens war ein Herr hier, der sah tatsächlich aus wie eines unserer Models. Er hatte einen Mantel von uns an und sah einfach perfekt aus. Und dann haben wir auch Kunden, die beruflich täglich Anzug tragen und sagen: Ich zahle für einen anständigen Anzug nicht mehr als 300 Euro. Und mit unseren Anzügen sind die super bedient, denn die Qualität stimmt. Und dann haben wir natürlich auch viele jüngere Kunden, die Pullover kaufen, oder Abendgarderobe oder etwas für eine Hochzeit. Ich denke aber, die Hauptgruppe sind Männer ab 30, die Familie haben und im Beruf stehen, die gut verdienen, aber noch ihr Haus abbezahlen müssen.
Viele Kunden sehe ich natürlich auch gar nicht, denn die sind nur im Computer.

Gehen wir recht in der Annahme, dass der größere Teil des Geschäfts inzwischen aus dem Online- Handel kommt?
Ja, natürlich. Da sind wir ziemlich gut aufgestellt, aber wir machen es auch schon sehr lange. Wir haben pro Jahr Zuwächse im zweistelligen Bereich. Das Internet ist unsere Zukunft, denn wir erreichen hier mit unserem speziellen Sortiment wirklich alle. Und wir erleben dann auch, dass die Leute hier zu uns kommen, um sich das mal anzuschauen. Viele wollen die Produkte auch in natura sehen und anfassen, bevor sie etwas bestellen. Das Haptische ist noch nicht verloren gegangen.

Würden Sie zustimmen, dass Ihre Kunden mehr an der Qualität und an der Substanz eines Produkts interessiert und weniger am Label und einem großen Designernamen? Also mehr an dem, was drin steckt und weniger an dem, was draufsteht?
Genau, das ist ja unsere Philosophie. Daher versuchen wir, auch nur unsere eigene Marke zu forcieren und nicht Fremdmarken, wie viele andere. Es hat aber ein bisschen gedauert, weil auch die Kunden, die nicht den großen Marken hinterherjagen, sich doch auch an Marken orientieren, als Sicherheit für Qualität. Mittlerweile kennen die Leute unsere Marke und wissen, was sie für ihr Geld bekommen.

Sie haben sehr viele Strickwaren hier in Ihrem Laden – Pullover, Pullunder, Strickjacken. Wo kommen die her?
Das kommt alles aus Schottland, ausschließlich.

Was ist das Wichtigste bei einem guten Pullover?
Dass er wirklich fest gestrickt ist. Sie sehen das, wenn Sie einen Pullover in die Hand nehmen. Wenn die Masche lose ist, so dass Sie da schon durchgucken können, dann ist das gespart am Material und damit auch gespart an der Haltbarkeit. (Thomas Schmitz greift ins Regal und holt einen Pullover heraus) Das muss einfach fest und eng gestrickt sein. Dann muss die Faser gut sein. Die hier sind „shrink resistent“, das heißt, die gehen nicht ein, und dadurch pillen sie auch nicht. Ein eng gedrehter Faden und ein eng gestrickter Pullover, das ist wichtig. Die Lambswool-Produkte sind dadurch auch ein wenig härter, aber eben auch haltbarer. Kaschmir ist natürlich weicher. Bei uns ist das auch wirklich alles 100 Prozent Kaschmir, das haben wir testen lassen. Leider ist heute nicht überall reines Kaschmir drin, auch wenn es draufsteht. Bei manchen Anzugstoffen aus China steht „Super 140“ drauf, und dabei handelt es sich um eine synthetische Faser. So etwas verwenden wir natürlich nicht. Im Moment ist die Mode ja recht farbenfroh. Das ist auch etwas typisch britisches, wenn man nur mal die Hosen ansieht, die hier über uns hängen... Sie werden es nicht glauben, aber die meisten sind ausverkauft.

Was ist die Top-Farbe? Rot?
Rot, und alles Leuchtende. So wie Knallgrün. Bei den Cord-Hosen, die wir nur bei der Weberei Brisbane Moss machen, findet man genau die gleichen Farben. Ich selber trau mich aber noch nicht so recht...

Werden die Menschen modisch mutiger?
Ja, bestimmt. Das ganze Erscheinungsbild geht ja ein bisschen weg vom Formellen, also vom Anzug mit Krawatte, hin zur Kombination mit farbiger Hose, ohne Krawatte. Das wird auch im Büro so kultiviert. In den Banken und Versicherungen wahrscheinlich noch nicht, aber viele Menschen, die früher aus beruflichen Gründen einen Anzug getragen haben, tun das heute nicht mehr. Und viele Webereien sagen auch: Würden wir keine Stoffe für Sakkos und Kombinationen machen, dann gäbe es uns heute nicht mehr.

Wie kam es denn zu dem Markennamen John Crocket? Steckt da eine Geschichte dahinter?
Ja, da steckt eine Geschichte dahinter. Ich wollte die Marke erst „Cricket“ nennen, weil das ja durch und durch britisch ist. Aber „Cricket“ war belegt. Dann gab es noch „Croquet“, das andere englische Spiel, aber das war auch belegt. Dann bin ich auf „Crocket“ gekommen, und damit es keine Verwechslung gibt, habe ich das „John“ davor gestellt. Somit war ich immer noch beim englischen Sport und bei etwas, das zu unserem Wappen passt. (Anm. d. Red: das Wappen besteht aus gekreuzten Cricketschlägern mit einem Croquet- und einem Tennis-Schläger)

Werden Sie von den Kunden auch mal als „Herr Crocket“ angesprochen?
Es gibt tatsächlich Kunden, die kommen und sagen: Ich möchte gern mal den John sprechen, den kenne ich von der Uni.

Vielen Dank für das Gespräch.

Autor: Hans J. Wieland
Zur Verfügung gestellt vom Tweedmagazin

"Mr. Crocket" als pdf zum Download →



Mr. Crocket - der Mann hinter der Marke

Mr. Crocket - der Mann hinter der Marke



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